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Für viele war es Anbiederei: FIFA-Boss Infantino (r.) und US-Präsident Trump bei der WM-Auslosung. (Archivbild) (Urheber/Quelle/Verbreiter: Chris Carlson/AP/dpa)
Für viele war es Anbiederei: FIFA-Boss Infantino (r.) und US-Präsident Trump bei der WM-Auslosung. (Archivbild) (Urheber/Quelle/Verbreiter: Chris Carlson/AP/dpa)
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Alle vier Jahre wieder? Heikle Boykott-Frage erreicht DFB

On 27. Januar 202627. Januar 2026

Für Deutschlands mächtigste Fußball-Bosse besteht derzeit kein Redebedarf bei einem Thema, das hohe Wellen schlägt: ein möglicher WM-Boykott. Die momentanen Nachrichten aus den USA und die zunehmend aggressive Politik von US-Präsident Donald Trump haben eine Debatte darüber ausgelöst, ob die Weltmeisterschaft tatsächlich wie geplant im kommenden Sommer in den USA stattfinden kann. Noch ist es eher eine Scheindebatte – die aber ein deutscher Top-Funktionär jüngst befeuert hat.

«Als Reaktion auf Trump droht Deutschland mit einem Boykott der Weltmeisterschaft 2026», schrieb «Pagina12» aus Argentinien. Ist das so? DFB-Chef Bernd Neuendorf ist jedenfalls bemüht, genau dieser Einschätzung entgegenzuwirken – und den verbandsinternen Konflikt mit einem seiner Vizepräsidenten zu lösen. «Der Kollege ist noch nicht so lange dabei», sagte Neuendorf über Oke Göttlich. 

St.-Pauli-Boss befeuerte Debatte

Der Präsident des FC St. Pauli, der für seine dezidierte politische Haltung bekannt ist, hatte in einem Interview der «Hamburger Morgenpost» betont: «Ich frage mich wirklich, wann der Zeitpunkt ist, darüber konkret nachzudenken und zu reden. Und für mich ist dieser Zeitpunkt definitiv gekommen.» In der Regel sei es beim DFB so, dass diese Themen zunächst in den Gremien besprochen würden. «Er ist jetzt leider vorgeprescht mit dem Thema», konterte Neuendorf daraufhin auch noch.

Einen dauerhaften Nebenschauplatz will der 64 Jahre alte DFB-Chef – auch aus sportlichen Gründen – partout verhindern. Zu präsent sind immer noch der politische Wirbel im Streit um eine Regenbogen-Spielführerbinde der deutschen Mannschaft bei der WM in Katar und die anschließenden «Mund zu»-Geste der Spieler. Am Ende eher Kategorie: Eigentor. Erst recht nach dem peinlichen Vorrunden-Aus der DFB-Auswahl wie schon 2018 in Russland.

Neuendorf und Watzke einig in Sachen WM-Boykott-Debatte

Neuendorf, einst für die SPD auf der politischen Bühne tätig, meinte nun mit Blick auf Diskussionen über einen Boykott der WM: «Ich glaube, das ist gar keine große Debatte, weil wir sind – glaube ich – sehr einmütig beim DFB, dass wir diese Debatte zum jetzigen Zeitpunkt für völlig verfehlt halten.» So äußerte sich auch Ligapräsident Hans-Joachim Watzke: «Wenn es irgendwann reif sein sollte, werden wir diskutieren, aber aus meiner Sicht ist das jetzt völlig fehl am Platze.» 

Auch DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig äußerte sich. Er denke nicht, dass es die Aufgabe der DFB-Sportgeschäftsführung sei, Ratschläge öffentlicher Art an die Politik oder an andere zu geben. «Ich habe mit Herrn Trump noch nie gesprochen, der Bundeskanzler sehr wohl. Ich denke, er wird mehr wissen als wir», sagte Rettig bei «ran.de». Man solle zunächst die Entwicklung abwarten und «nicht über jedes Stöckchen springen».

Zuvor hatte es aber rund um den Konflikt zwischen den USA und den europäischen Nato-Staaten wegen Trumps Besitzansprüchen auf Grönland auch Stimmen aus der Politik gegeben, eine WM-Teilnahme zumindest zu überprüfen.

«Beispiellose Zeiten erfordern bisher undenkbare Gespräche»

Für Trump, den mächtigsten Politiker der Welt, sind die WM in diesem Sommer und die Olympischen Spiele zwei Jahre später in Los Angeles absolute Prestigeobjekte. Der Grönland-Konflikt, Trumps Vorgehen gegen Einwanderer und erneut tödliche Schüsse der US-Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis riefen aber weitere scharfe Kritik hervor. 

«Ein Boykott der Weltmeisterschaft wegen Trump?», fragte jüngst der britische «Guardian»: «Beispiellose Zeiten erfordern bisher undenkbare Gespräche, wenn es um das von den USA verursachte Problem geht.» So sieht es wohl auch Infantinos seinerzeit kaum weniger umstrittener Vorgänger Joseph Blatter. 

Der ehemalige FIFA-Chef meldet sich auch zu Wort

Der einst mächtigste Fußball-Funktionär schaltete sich auch ein. Blatter postete auf dem Portal X ein Zitat des Strafrechtlers und ehemaligen FIFA-Kommissionspräsidenten Mark Pieth aus einem Interview des Schweizer «Tagesanzeigers» («Für die Fans gibt es nur einen Rat: Bleibt weg von den USA!»). Dazu schrieb der 89 Jahre alte Blatter, der von 1998 bis 2015 FIFA-Präsident gewesen war: «Ich denke, Mark Pieth hat Recht damit, diese WM infrage zu stellen.» 

Neben Sicherheitsbedenken angesichts mancher Bilder aus den USA machen Fans auch die Einreisebedingungen zu schaffen. Sowohl bei der WM als auch bei den Spielen 2028 bleibt Zuschauern aus knapp 40 Ländern die Einreise in die USA verwehrt. Ausnahmen gibt es nur für Athleten, Trainer und Betreuer der teilnehmenden Nationen. In den Niederlanden erreichte bereits eine Boykott-Petition den nationalen Fußball-Verband KNVB und die Regierung. In nur wenigen Tagen wurde sie mehr als 100.000 Mal unterzeichnet. 

Bundesregierung äußert sich 

Fans sind das eine, die teilnehmenden Mannschaften das andere. Und bei denen weist die Politik die Verantwortlichkeit von sich. «Entscheidungen über Teilnahme oder Boykott von Sportgroßveranstaltungen liegen ausschließlich bei den zuständigen Sportverbänden, nicht bei der Politik», betonte Sport-Staatsministerin Christiane Schenderlein. Die Bewertung obliege den jeweiligen Verbänden. «Diese Einschätzung wird die Bundesregierung akzeptieren», sagte die CDU-Politikerin.

«Ich lege Wert darauf, dass Sport und Politik voneinander getrennt werden», sagte jüngst auch Frankreichs Sportministerin Marina Ferrari und betonte: «Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es seitens unseres Ministeriums keine Absicht, dieses große Turnier zu boykottieren.» Die WM sei ein extrem wichtiger Moment für alle, die Sport liebten, sagte die französische Politikerin. 

Frankreichs Verbandsboss Philippe Diallo bestätigte seinerseits: «Zum jetzigen Zeitpunkt steht ein Boykott der französischen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft keineswegs zur Debatte.»

Alle vier Jahre wieder?

2018 – die WM in Russland. 2022 – die WM in Katar. Beide Male Aufruhr vorher. Boykotte gab es nicht. Stattdessen gehörte die größte Fußball-Bühne der Welt vor einem Milliarden-Publikum den Machthabern. 

Im Regen von Moskau blieb nach dem Finale nur einer trocken: Wladimir Putin, der Schutz durch einen Schirm bekam. Auch Infantino wurde bei der Siegerehrung nach dem Triumph von Frankreichs Nationalmannschaft ordentlich nass. Im warmen und trockenen Katar knapp viereinhalb Jahre später inszenierte Infantino sich, die FIFA und die Siegerehrung für den neuen Weltmeister Argentinien an der Seite des Emirs von Katar, Scheich Tamim bin Hamad Al Thani.

Am 19. Juli dieses Jahres, knapp zehn Kilometer von New York entfernt, wird Infantino an der Seite von Trump den Weltmeister 2026 ehren. Dass Göttlichs verbaler Einwurf an der Zahl der 48 Teilnehmer der größten und längsten WM in der Fußball-Historie etwas ändert, darf stark bezweifelt werden.

«Was waren denn die Begründungen für die Olympia-Boykotte in den 1980er-Jahren? Meiner Einschätzung nach ist das Bedrohungspotenzial aktuell größer als damals. Wir müssen diese Diskussion führen», hatte Göttlich der «Hamburger Morgenpost» auch noch gesagt.

Von Jens Marx, dpa
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