Es ist erst drei Monate her, dass die Berliner Fans schon nach einer Viertelstunde genug hatten. Mit gellenden Pfiffen quittierten sie den desolaten Hertha-Auftritt. Coach Stefan Leitl entschuldigte sich später kleinlaut bei den eigenen Anhängern und ließ die vereinzelten Forderungen nach einem Trainerwechsel ratlos über sich ergehen.
Das war Ende August. Die Aufstiegsanwärter aus Berlin hatten gerade mit 0:2 gegen Elversberg verloren und waren nach dem 4. Spieltag auf den vorletzten Platz der 2. Fußball-Bundesliga abgestürzt. Hertha steckte tief in der Krise – und eine Trainerdebatte schien nur noch eine Frage der Zeit.
Reese: Superserie nur ein «Etappenziel»
Zehn Spieltage später darf sich der Traditionsclub Seriensieger nennen. Nach dem 1:0 bei Holstein Kiel und dem sechsten Pflichtspielsieg in Folge trennen die Berliner nur noch fünf Punkte von der Tabellenspitze. «Für die Leidenschaft und das Miteinander muss ich meiner Mannschaft großen Respekt zollen», lobte Leitl seine Schützlinge. Der einstige Big City Club träumt wieder groß.
Von einer Trainerdebatte ist man inzwischen so weit entfernt wie von den Abstiegsrängen. Stattdessen ist Spitzenreiter Schalke, das sich im Topspiel 2:1 gegen Verfolger Paderborn durchsetzte, in Sichtweite. «Wir sind noch sehr weit weg vom Ende der Saison, haben Etappenziele bis Winter», bremste Fabian Reese die aufkommende Euphorie im Berliner Westen. Wie kaum ein anderer treibt Herthas Kapitän die Aufstiegsmission unerbittlich voran.
Was macht Hertha so stark?
Wie schon gegen Braunschweig und gegen Kaiserslautern, gegen die man im DFB-Pokal-Achtelfinale am Dienstag erneut ran muss, gewann Hertha in Kiel so minimalistisch wie möglich: Ein einziger Treffer reichte. «Wir brauchen momentan nicht viel, um Tore zu erzielen», konstatierte Leitl. Oder anders ausgedrückt: Hertha spielt unspektakulär, aber effizient.
Vorn abgeklärt und kaltschnäuzig, hinten ein Abwehrbollwerk, das ligaweit momentan konkurrenzlos ist. Sechsmal in Folge spielte Hertha zu null. «Wir haben uns das in den vergangenen Wochen erarbeitet, auch durch die Lust am Verteidigen. Die Defensive ist der Ausschlag, um in der 2. Bundesliga erfolgreich Fußball zu spielen», erklärte Sportdirektor Benjamin Weber.
Die deutlich geschrumpfte Verletztenliste im Vergleich zum Saisonstart trägt zum Aufschwung bei. Dazu kommt Reese, der zwar nicht mehr die Torquote von vor zwei Jahren erreicht, sich dafür aber umso stärker in den Dienst der Mannschaft stellt, wie Leitl betonte.
Auch das «unfassbare Talent» Kennet Eichhorn (16) hat maßgeblichen Anteil an der beeindruckenden Serie. Innerhalb weniger Wochen entwickelte sich der jüngste Profi der Zweitliga-Geschichte vom Debütanten zum Stammspieler.
Ein Geschenk für das Geburtstagskind
Nichts erinnert bei den Hauptstädtern noch an die unsichere Mannschaft vom Saisonbeginn. Das spürt auch Torschütze Dawid Kownacki, der in Kiel ein Traum-Comeback feierte. «Es war nicht so einfach, in diese Mannschaft zurückzukehren, die über die letzten Wochen so gut gespielt hat, kompakter verteidigt und Selbstvertrauen aufgebaut hat», sagte der Stürmer, der nach zweimonatiger Pause eine schöne Flanke von Kiel-Rückkehrer und Geburtstagskind Reese verwertet hatte.
Zeit, zu feiern, bleib kaum. Noch am Abend stand Regenerationstraining auf dem Programm. Schließlich geht es am Dienstag (18.00 Uhr) zu Hause gegen den Kaiserslautern weiter. Das klare Ziel: Die Superserie ausbauen.
